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Es gibt zwei armenische Kirchen:

1. ARMENISCHE APOSTOLISCHE KIRCHE

Sie wurde bereits im Jahr 506 gegründet und wird heute als altorientalische Kirche bezeichnet. Mehr als 90% aller Armenier weltweit gehören ihr an. Das gilt für die heutige unabhängige Republik Armenien, aber auch für die große Diaspora in aller Welt.

 

2. ARMENISCH - KATHOLISCHE KIRCHE

Seit dem Hochmittelalter sind einzelne armenische Gruppen mit Rom uniert, d.h. sie erkennt den Papst in Rom als Oberhaupt an. Das ist die Armenisch - Katholische Kirche. 
Ansonsten gibt es keine großen Unterschiede zwischen den beiden Kirchen.

 

Armenien lag und liegt in einer Spannungszone zwischen benachbarten Großmächten (Römisches Reich, Oströmisches reich, Persien, Kreuzfahrerstaaten, Seldschuken, Osmanisches Reich, Russisches Reich, Türkei, UdSSR, Iran, Rußland) und war daher oft Kampfgebiet, umstrittenes Grenzland der Nachbarn. Deshalb wanderten viele Armenier schon im Mittelalter aus und siedelten sich über ganz Vorderasien verstreut an. In vielen Städten entstanden bedeutende und wirtschaftlich starke armenische Gemeinden, die besonders im Fernhandel eine zentrale Rolle spielten. 

 

POLEN - OSTGALIZIEN

Kleinere Gruppen wanderten weiter nach Westen ab und siedelten sich u.a. im Polnisch-Litauischen Doppelreich an, auch hier meist in den Städten. Als Christen waren sie hier willkommen, als Fernhändler ins Osmanische Reich, das ab etwa 1400 den Orient beherrschte, gerne gesehen und als Handwerker geschätzt. Die polyglotten Armenier waren auch in der Diplomatie praktisch unersetzlich und dienten hier den Sultanen in Konstantinopel ebenso wie die Polnischen Königen und Römisch-deutschen Kaisern.

In der damals südpolnischen Metropole Lemberg erbauten Armenier schon im Jahr 1183 ihre erste Holzkirche. im Jahr 1356 erhielten sie Privilegien vom polnischen König und 1367 wurde die heute noch existierende armenische Kathedrale in Lemberg errichtet. Seit 1364 war hier auch der Sitz eines armenischen Bischofs. 1630 wurde eine eigene Diözese Lemberg gebildete, diese ging 1635 eine Union mit Rom ein, wandelte sich also zu einer armenisch-katholischen Gemeinde. 1664 wurde sogar eine päpstliche Hochschule für die armenischen Katholiken in Lemberg eröffnet.
Auch militärisch spielten sie eine Rolle. 1683, bei der Entsatzschlacht vor Wien, kämpften mehrere tausend Armenier im Heer des Polenkönigs Johann III. Sobieski. Und manche davon siedelten sich daraufhin auch in Wien an.

Die Gemeinde war zeitweise bis zu 5.000 Köpfe stark. Um 1880 umfaßte die Diözese noch ca. 3.000 Gläubige. Sie bestand bis 1945, als die Armenier mit der polnischen Bevölkerungsmehrheit Lembergs nach Breslau vertrieben wurden.

Aber auch in Kuty, Kolomea, Kamieniec Podolski, Mohylów Podolski, Luzk, Snjatyn, Stanislau(1732: 10% der 3.300 Einwohner, 1792: 9,4% der 5448 Einwohner), Tarnopol, in den Städten der Moldau und in Siebenbürgen gab es nennenswerte armenische Gruppen.

1519 genehmigten der polnische Landtag in Petrikau und König Sigmund I. die Einrichtung armenischer Gerichte, d.h. die de facto Selbstverwaltung der armenischen Gemeinden (Stadtvierteln), die damit weitgehend autonom wurden und von den jeweiligen Stadtregierungen unabhängig. 

Trotzdem gingen allmählich immer mehr Armenier zur polnischen Sprache und Kultur über.

 

SIEBENBÜRGEN

Im 15. und 16. Jahrhundert flohen Armenier vor allem aus der Moldau nach Siebenbürgen. Im Jahr 1680 gewährte ihnen der Fürst von Siebenbürgen gewisse Privilegien und Handelskonzessionen und als das Land 1696 habsburgisch wurde, blieben diese Sonderrechte aufrecht. Ihre Hauptsiedlungen waren Neuschloss oder Armenierstadt bei Klausenburg und Elisabethstadt bei Hermannstadt, wo sie auch eigene Gerichte (Verwaltung) hatten. Es waren ca. 20.000 Menschen.

Nach der Erwerbung Galiziens 1772 wurden die siebenbürgischen Armenier dem armenisch-katholischen Bischof in Lemberg rechtlich unterstellt. Das führte zu anti-habsburgischen Emotionen, sodaß sich 1848/1849 viele Armenier der ungarischen Revolution anschlossen. Zwei der drei armenischen Generäle der Revolutionsarmee wurden 1849 hingerichtet. Die armenischen Gemeinden mußten hohe Strafzahlungen leisten und verloren ihre Privilegien. Die kirchliche Verwaltung wurde einem nichtarmenischen Bischof unterstellt. So verringerte sich in den folgenden Jahrzehnten ihre Zahl durch Auswanderung und Assimilation. Aber es gibt auch heute noch armenisch-katholische Gemeinden in Siebenbürgen.

 

GALIZIEN

Als Galizien 1772 habsburgisch wurde fanden die Österreicher eine armenische Volksgruppe vor, die dabei war sich zu polonisieren. Lediglich die Zugehörigkeit zur eigenen armenisch-katholischen Kirche verhinderte die völlige Verschmelzung.
Die österreichische Verwaltung respektierte anfangs die armenische Selbstverwaltung in Galizien, erst Kaiser Joseph II. schaffte diese Vorrechte dann ab 1784 ab.
Konfessionell gab es für die armenischen Katholiken keine Probleme.

 

BUKOWINA

Mit der Erwerbung der Bukowina (früher zur Moldau gehörig) 1775 gelangten auch armenisch-apostolische Gruppen in den habsburgischen Machtbereich. Besonders in Suczawa (auch Sotschen, rumän. Suceava, poln. Suczawa, ungar. Szucsáva, ukrain. und russ. Сучава/Sutschawa) existierte eine blühende Gemeinde. Diese Gemeinde bestand damals aus rund 120 Familien, besaß vier Kirchen, die von zwei Priestern betreut wurden und eine eigene Schule. Sie stellten damit eine Elite in diesem damals fast menschenleeren und kaum entwickelten Land dar. Suczawa war bereits seit 1401 armenischer Bistumssitz.

Die armenisch-apostolische Kirche fiel nicht unter die Toleranzpatente von 1781/1782, war damit also illegal. Das änderte sich 1783, als Kaiser Joseph II. Suczawa besuchte und anschließend in einem Handschreiben vermerkte: "Die armenische Gemeinde allhier, deren Gottesdienst Ich selbst beigewohnt habe, ist wenig ausgenommen, allen übrigen Katholischen Armeniern gleich, es sind also alle weiteren Nachforschungen über ihre Religion einzustellen und sie bei ihrem Handel und Wandel ungestört zu belassen, auch ist zu trachten, noch mehrere derlei Leute herüber zu bringen."
Dieser Wunsch des absoluten Monarchen wurde am 4. Juli 1783 per Hofkriegsratsdekret umgesetzt, das die armenisch-apostolischen Kirchengemeinden offiziell anerkannte. Das galt nicht nur für die Bukowina, sondern für alle damals habsburgischen Länder.

 

WIEN

Armenier kamen schon in der frühen Neuzeit vereinzelt nach Wien, als Händler, aber auch weil sie Hilfe gegen die Unterdrückung im Osmanischen Reich suchten. Sie leisteten den Habsburgern im 17. Jahrhundert wichtige Dienste, einerseits als Dolmetscher für orientalische Sprachen, andrerseits auch als Spione im Osmanischen Reich, damals die Hauptbedrohung der habsburgischen Länder. 

Spätestens ab der Mitte des 17. Jahrhunderts gab es eine armenisch-katholische Gemeinde in Wien, die freilich auch für apostolische Armenier Anlaufstelle war.

Die kleine Anzahl armenischer Familien in Wien kontrollierten im 17. Jahrhundert etwa 70% des Handels mit dem Osmanischen Reich. Der 1648 in Konstantinopel (türk. Istanbul) geborene Kaufmannssohn Johannes Deodat (Diodato), sein armenischer Name lautete  Yovhannes/Owannes Astouadzatur (Astouadzaturian), erhielt am 17. Jänner 1685 das kaiserliche Privileg "Caffé, Theé und Scherbet" 20 Jahre lang exklusiv zu verkaufen. Er gründete daraufhin das erste Wiener Kaffeehaus (im "Waaghaus" am damaligen "Haarmarkt", heute Rotenturmstraße 19).
Scherbet bedeutet Sorbet

Auch nach der endgültigen Abwendung der Türkengefahr 1699 (Friede von Karlowitz) behielt  die armenische Kolonie in Wien ihre wichtigen wirtschaftlichen und diplomatischen Funktionen. Mit dem Ausklingen der Kriege kam der Handel in Schwung. 

Von der Volkszählung des Jahres 1767 ist eine namentliche Liste der damals 21 armenischen Familien in Wien erhalten. In seiner Geschichte der Armenier in Österreich (in: "Franz Werfel und Komitas", Peter Lang Verlag 1999) gibt Erzbischof Mesrob K. Krikorian diese Liste samt einiger Zusatzangaben wieder. Sie zeichnet ein sehr anschauliches Bild der damaligen armenischen Gemeinde Wiens:

 

(1) KARL TOPDSCHI, geboren in Ankara, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnt bei Herrn Johann Chremser. Ist seit 16 Jahren mit seiner Frau in Wien, schon k. k. Untertan, als Dolmetscher für die türkische Sprache tätig, gleichzeitig Verbindungsmann der türkischen Glashändler.

(2) DAVID ALEXANDER, 55 Jahre alt, geboren in Mesopotamien, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft auf der Landstraße, türkischer Staatsbürger. Hat seit 20 Jahren keine Steuern an die osmanische Regierung bezahlt. Seit 17 Jahren in Wien ansässig und möchte für immer hier bleiben. Betreibt mit Herrn Thomas Muradscha ein Geschäft im Langen Haus und handelt mit Waren, die aus der Türkei eingeführt wurden. Beide Partner exportieren gleichzeitig Waren aus Steyr und Nürnberg in die Türkei.

(3) THOMAS MURADSCHA, 43 Jahre alt geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Familie auf der Landstraße. Türkischer Staatsbürger, aus Triest nach Wien gekommen und möchte hier bleiben. Importiert gemeinsam mit David Alexander Waren aus Smyrna und verkauft diese auf dem Markt. Hat noch keine Steuern bezahlt!

(4) ELIAS SEFER, 50 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Familie in der Gemeingasse auf der Landstraße. Er ist noch türkischer Staatsbürger, zum ersten Mal vor 20 Jahren mit den Trinitariern als Dolmetscher nach Wien gekommen und letztlich vor 5 Jahren über Siebenbürgen hier eingereist. Handelt mit türkischen Waren im Regensburger Hof' und will für immer in Österreich bleiben.

(5) PAUL SANDALDSCHI, 36 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, wohnhaft mit seiner Frau auf dem Hohen Markt bei Hoerner. Vor neun Jahren über Venedig und Tirol nach Wien eingereist, schon k.k. Untertan, möchte hier bleiben. Ist im Kleinhandel beschäftigt.

(6) JOHANN JAKOB, 48 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern in der Leopoldstadt. Ist vor 19 Jahren nach Österreich gekommen, schon k k. Untertan und möchte hier bleiben. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Schneider.

(7) PAUL DEODAT, 37 Jahre alt, geboren in Mesopotamien, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern auf der Landstraße. Früher türkischer Staatsbürger, nun k. k. Untertan, vor 12 Jahren nach Österreich gekommen. Besitzt kein Geschäft, sondern kauft Waren aus Jerusalem von einem Araber, die er hier vertreibt.

(8) JOHANN PAUL, 50 Jahre alt, geboren in Mesopotamien, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern auf der Jägerzeile in der Leopoldstadt. Vor ca. 10 Jahren über Italien nach Wien gekommen, schon k. k. Untertan, hat aber noch niemals Steuern bezahlt. Im Hause Albrechtsburg in der Judengasse unterhält er ein Geschäft und handelt mit türkischen Waren.

(9) JOHANN PRIMA, 35 Jahre alt, geboren in Ankara, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern bei Schneiders zu Rotenturm. Vor 10 Jahren über Livorno und Triest nach Wien gekommen. Früher türkischer Staatsbürger, nun k. k. Untertan, beabsichtigt für immer in Österreich zu bleiben. Hat kein Geschäft, handelt mit orientalischen Waren, wie z.B. Rosinen und Kaffee.

(10) JEREMIAS SAMSON, 50 Jahre alt, geboren in Mesopotamien, armenisch-katholisch, verheiratet, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern in Lerchenfeld im 'Goldenen Kreuz'. Hat vor 25 Jahren die Türkei verlassen und ist vor 10 Jahren über Italien nach Wien gekommen. Früher türkischer Staatsbürger, jetzt k. k. Untertan, möchte wie alle anderen in Österreich bleiben. Wie Paul Deodat, bezieht auch er Waren von einem Araber namens Abdullah und verkauft diese weiter.

(11) MICHAEL BELLAN, 27 Jahre alt, geboren in Aleppo/Syrien, armenisch-katholisch (!), Junggeselle, wohnhaft am Spittelberg. Seine Mutter ist noch in der Türkei, der Vater, ein Geistlicher, lebt hier. Ist vor ca. 10 Jahren über Venedig und Triest nach Wien gekommen, noch türkischer Staatsbürger, verkauft orientalische Waren aus Jerusalem auf dem Markt.

(12) JOHAN MOROKOWICZ, 32 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, nicht verheiratet, türkischer Staatsbürger, wohnhaft in der Josefstadt im 'Roten Herz'. Vor 6 oder 7 Jahren aus der Türkei geflohen und über Polen nach Österreich gekommen. Möchte für immer in Wien bleiben; ist im Kleinhandel beschäftigt.

(13) JOHAN OSKAN, 32 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, sehr krank, mit seiner Mutter wohnhaft am Salzgries. Wurde als kleines Kind gezwungen, zum Islam überzutreten, kam aber später mit seiner Mutter nach Italien und schließlich nach Wien. Sie sind arm und leben von der karitativen Unterstützung der Katholiken.

(14) ANTON GENTILHOMO, 48 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, verheiratet mit einer Österreicherin, wohnhaft mit seiner Familie am Hohen Markt beim Greißler. Vor 16 Jahren über die Walachei-Siebenbürgen-Rothenturm nach Wien gekommen und besitzt schon die k. k. Bürgerschaft. Hat noch keine Steuern bezahlt, da niemand von ihm etwas verlangte. Hat kein Geschäft, arbeitet aber als Goldschmiedhändler zwischen Österreich und der Türkei.

(15) ANTON MELCHIOR, 42 Jahre alt, geboren in Kharpert (Harput) in Kleinasien, armenisch-katholisch, verheiratet, noch türkischer Untertan, wohnhaft mit seiner Frau und den Kindern in Mariahilf bei den 'Zwei Lustigen Bauern'. Vor 15 Jahren über Kronstadt nach Österreich gekommen, am Anfang nach Italien gezogen. aber schon seit 12 Jahren in Wien ansässig. Hat kein Geschäft, handelt aber mit Waren aus Jerusalem, wie z.B. Kreuze, Tabak, Pfeifen etc.

(16) STEPHAN ANNAMAZ, 51 Jahre alt, geboren in Nachitschewan (Persisch-Armenien), armenisch-katholisch, verheiratet, 2 Kinder, schon k. k. Untertan, wohnt auf der Landstraße. Vor 18 Jahren aus der Türkei nach Amsterdam gekommen, dann nach Polen weitergereist und schließlich in Wien ansässig geworden. Besitzt kein Geschäft, handelt aber mit Waren aus Jerusalem.

(17) CHRISTOPH STEPHAN, 44 Jahre alt geboren in Nachitschewan (Persisch-Armenien), armenisch-katholisch, türkischer Staatsbürger, verheiratet, 4 Kinder, wohnhaft in Mariahilf bei der 'Grünen Kapelle'. Vor 14 Jahren über Polen nach Österreich gekommen und später nach Italien (Venedig, Livorno, Rom) weitergereist, die letzten 10 Jahre aber in Wien ansässig gewesen. Hat kein Geschäft, verkauft aber Waren aus Jerusalem, Kreuze, usw.

(18) MARTIN THOMAS, 48 Jahre alt, geboren in Mesopotamien, armenisch-katholisch, verheiratet, hat Kinder, schon k. k. Untertan, wohnhaft mit seiner Familie im Alten Lerchenfeld beim 'Goldenen Kreuz'. Vor 11 Jahren über Triest nach Wien gekommen und handelt mit Waren aus Jerusalem.

(19) EMMANUEL BAPTISTA, 24 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, nicht verheiratet, k. k. Untertan, wohnhaft in der Leopoldstadt im 'Goldenen Kreuz'. Vor 16 Jahren schon einmal nach Österreich gekommen, ist aber seit 2 Jahren nun ständig in Wien. Mit Herrn Gabriel Giuseppe und Hadschi Mussa importiert er orientalische Waren aus der Türkei und Jerusalem und exportiert Schmuck und andere Waren in die Türkei.

(20) ANTON PAUL, 23 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, nicht verheiratet, türkischer Bürger, wohnhaft in der Leopoldstadt im Hause des Sperlbauer. Ist vor 4 Jahren zum ersten Mal nach Österreich gekommen, hat sich aber auch teilweise in Brünn und Olmütz aufgehalten. Importiert Waren aus der Türkei und verkauft diese in Wien.

(21) MARTIN DÖVLET, 37 Jahre alt, geboren in Konstantinopel, armenisch-katholisch, verheiratet, k. k. Untertan, wohnhaft mit seiner Frau in der Leopoldstadt beim 'Weissen Gattern'. Vor ca. 9 Jahren nach Wien gekommen, bei einem Türken als Dolmetscher angestellt. Beabsichtigt, für immer in Österreich zu bleiben.

"Es ist merkwürdig", vermerkt dazu Erzbischof Krikorian in seiner Studie, "dass alle diese armenischen Familienoberhäupter ausnahmslos katholisch sind und zum Großteil europäische Namen tragen; teilweise haben sie türkische Familiennamen (1, 3, 4, 5, 10, 11, 16, und 21), und nur einer hat seinen armenischen Namen Oskan = 'Jäger' (Nr. 13) behalten. Außer 3 Männern sind alle Geschäftsleute; einer (Nr. 6, Johann Jakob) ist Schneider, der andere (Nr. 21, Martin Dövet) ist Dolmetscher, während der dritte so krank ist, dass er von Almosen leben musste (Nr. 13). Es waren nur ca. 50 Jahre vergangen und man findet keine Spur mehr von der einflussreichen Generation der Armenier, die zum Habsburgischen Hof Zugang hatte, in der Ostpolitik der Monarchie aktiv war, die Österreicherinnen der adeligen oder höheren Gesellschaft heiratete und höhere Pensionen von der k. k. Regierung bezog. Wahrscheinlich war es auf die politisch geänderten Umstände jener Zeit zurückzuführen, dass sich die Bedeutung der armenischen Gemeinde so verringert hat".

 

Die Zahl der Armenier in den habsburgischen Landen war nie groß. Bei der Volkszählung des Jahres 1851 wurden 2.733 (0,06%) in Galizien gezählt und 2.240 (0,59%) in der Bukowina - damit also 4.973 in ganz Österreich; weiters 3.144 (0,04%) in Ungarn, 7.879 (0,38%) in Siebenbürgen und damit 15.996 (0,04%) im Gesamtreich.
Die Volkszählung von 1869 ergab 0,5% (ca. 2.600) in der Bukowina, ca. 4.000 in ganz Österreich, ca. 6.000 in Ungarn, also 10.100 Armenier im Gesamtreich. 

 

ARMENISCHE APOSTOLISCHE KIRCHE IN WIEN

Allerdings gab es noch keine armenische Kirche in Wien. Die geistlichen Zeremonien (Hochzeiten und Taufen) wurden bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in der griechisch-orthodoxen Kirche (St. Georg, Griechengasse), die dem Ökumenischen Pariarchen in Konstantinopel unterstand, abgehalten. Armenische Priester aus Suczawa, dessen Expositur Wien war, die von Zeit zu Zeit nach Wien reisten, zelebrierten hier auch armenisch-apostolische Gottesdienste. Die Gemeinde in Suczawa unterstützte die Armenier in Wien nicht nur geistlich, sondern auch finanziell.

Obwohl sich sowohl der armenische Patriarch von Konstantinopel, Nerses Varzapetian (1874-1884), als auch der Botschafter der Hohen Pforte (Osmanisches Reich) in Österreich dafür einsetzten, gelang es im gesamten 19. Jahrhundert nicht, eine eigene armenisch-apostolische Gemeinde in Wien zu gründen bzw. eine eigene Kirche zu errichten. 

Der Antrag von 19 Armeniern vom 10. Dezember 1896 eine selbständigen Kirchengemeinde oder eventuell einer Filiale der armenisch-apostolischen Gemeinde von Suczawa konstituieren zu dürfen, wurde von der niederösterreichischen Stadthalterei (Landesregierung, Wien war damals Teil Niederösterreichs) abgelehnt. Die damals rund 100 apostolischen Armenier in Wien, erschienen den staatlichen Behörden als zu wenige.

Erst zur Jahreswende 1912/1913 wurde in Wien die erste armenische Kapelle eingerichtet. Es war eine Hauskapelle im obersten Stockwerk des Hauses Wien I, Dominikanerbastei 10, die den Namen des heiligen Salvator (armenisch Surb Prkitsch) trug. Die Initiative ging von einer Gruppe Armenier rund um den apostolischen Priester Aristakes Fesslian aus Suczawa aus. 48 Personen traten als Gründer und Spender aus, darunter auch der Geistliche Fesslian.
Aristakes Fesslian wurde damit der erste ständig in Wien tätige armenisch-apostolische Geistliche.

Der bald darauf beginnende I. Weltkrieg war ein harter Schlag für die Wiener Armenier. Jene Armenier, die ottomanische Staatsbürger waren, mussten in die Türkei zurück, um in die Armee einzurücken, wo sie allerdings alles andere als willkommen waren. Andere Armenier gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil der Außenhandel kriegsbedingt zurückging.

Erst um 1920 konnte sich die Gemeinde wieder reorganisieren, 1967 wurde eine neue apostolische Kapelle im Hof des Hauses 3, Kolonitzgasse 11 erbaut und erst am 12. Dezember 1972 erkannte die Republik Österreich die armenisch-apostolische Kirche als Religionsgemeinschaft an. 
Heute gibt es etwa 7.000 Kirchenangehörige in Österreich, darunter ca. 3.000 in Wien. Kleine Gruppen leben in Linz, Graz, Bregenz, Klagenfurt und Salzburg.

 

Armenische Apostolische Kirche
Kolonitzgasse 11/1
1030 Wien
Tel.: +43 (0)1 7180965-0
Fax.: +43 (0)1 7180965-21
E-Post: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 
www.armenia.at

Matrikenführung

 

ARMENISCH - KATHOLISCHE KIRCHE IN WIEN

Die Armenisch-katholische Kirche war in die römisch-katholische Kirche integriert, hatte also Zugang zu allen römisch-katholischen Einrichtungen.

1805 wurde der armenische Orden der Mechitaristen von den Franzosen aus Triest vertrieben und in Wien aufgenommen. Sie erhielten 1810 das Gebäude, des 1784 aufgehobenen Kapuzinerklosters bei St. Ulrich (7, Neustiftgasse bei 4) und kauften 1814 auch dessen Kirche dazu.
Der Orden betreute auch die armenisch-katholischen Gläubigen.
Heute gibt es etwa 500 Kirchenangehörige in Österreich, darunter ca. 250 in Wien.
Erst 1991 wurde auch eine eigene Pfarrgemeinde gegründet:
 
Armenisch-Katholische Gemeinde "Maria Schutz"
Mechitaristengasse 4
1070 Wien
Tel.: + 43 (0) 1 523 64 17
Fax.: + 43 (0) 1 523 64 17
E-Post: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
http://www.mechitharisten.org
Matrikenführung seit 1991, ältere Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle wurden in den Matriken der benachbarten Pfarre St. Ulrich vermerkt.
 
MECHITARISTEN 

Im Jahre 1701 gründete der armenische Mönch Vardapet Mechithar von Sebaste (1676-1749) in Konstantinopel eine Ordenskongregation ("Orden des hl. Antonius"), die 1711 vom Papst in Rom als katholischer Orden anerkannt wurde und ab 1713 nach der Benediktinerregel lebte. Der Orden wurde in Konstantinopel nicht geduldet, deshalb 1703 nach Modon auf den Peloppones (damals venezianisch) verlegt und 1714 auch von dort (kriegsbedingt) vertrieben. Seit 1717 befindet sich das Ordenszentrum auf der Laguneninsel San Lazzaro bei Venedig.

Ein Zweig der Kongregation, der mit manchen Reformen nicht einverstanden war, siedelte sich 1773 im habsburgischen Triest an und wurde bereits am 30. Mai 1775 von "Kaiserin" Maria Theresia mit einem großzügigen Privileg ausgestattet, das ihm vielfältige Rechte und Begünstigungen einräumte. Dieses Privileg schloß auch die armenischen Laien in Triest mit ein und stellte sie den habsburgischen Untertanen gleich. D.h. auch die armenischen Kaufleute in Triest wurden - gegenüber anderen ausländischen Kaufleuten - privilegiert.

Im Jahr 1805 vertrieb die französische Besatzungsmacht diese Mechitaristen aus Triest, sie ließen sich in Wien nieder und erhielten 1810 das Klostergebäude des schon 1784  aufgehobenen Kapuzinerklosters in der Vorstadt St. Ulrich.  Bereits 1811 gründeten sie dort auch eine Druckerei, die bis 1999 bestand und für ganz Europa von großer kulturellen Bedeutung war. Die Mönche druckten dort nicht nur Werke in armenischer Sprache, sondern auch in rund 50 weiteren orientalischen Sprachen. Noch in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts war das eine von nur zwei Druckereien in ganz Europa, die armenische Bücher druckte. Die zweite bestand in London.
Der Orden existiert bis heute und verfügt über eine bedeutende Bibliothek, in der rund 2.600 armenische Handschriften sowie rund 130.000 Bücher und zirka 170.000 Zeitschriftenbände verwahrt werden. Er war und ist auch in der Schulerziehung und auf dem Gebiet der Philologie tätig.

Wiener Mechitaristen-Kloster
Mechitaristengasse 4
1070 Wien
Tel.: + 43 (0) 1 523 64 17
Fax.: + 43 (0) 1 523 64 17 111
E-Post: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
www.mechitharisten.org 

 

KIRCHENGEMEINDEN 1910:

1910 gab es in der österreichischen Reichshälfte 1 Armenisch-orientalische Kirchengemeinde

und zwar in der Bukowina

(Quelle: Österreichisches Statistisches Handbuch 1913)

 

Alle Leser sind eingeladen, mir ihre Erfahrungen und ihre Sicht der Dinge zu schreiben und mich auf Fehler und Irrtümer meinerseits aufmerksam zu machen.

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