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Eine der häufigsten Fragen im Zusammenhang mit Genealogie und Geschichte lautet: "Was war denn früher anders als heute?"
Das ist in dieser Form natürlich nicht beantwortbar, weil "früher" ein sehr dehnbarer Begriff ist, es auch "damals" schon starke regionale Unterschiede gegeben hat und sich die Verhältnisse immer wieder geändert haben.

Aber zwischen konkreten Zeitpunkten und Regionen früher und heute kann man natürlich Vergleiche anstellen.

Ich möchte hier in zwangloser Reihenfolge einige dieser Unterschiede auflisten und zwar zwischen dem Raum Niederösterreich (damals Erzherzogthum Österreich unter der Enns) im späten 17. Jahrhundert und heute. Da ist natürlich Wien eingeschlossen und die Aussagen gelten im Wesentlichen auch für Oberösterreich (damals Erzherzogthum Österreich ob der Enns, bzw. Landl ob der Enns - ohne das Innviertel), Südböhmen, Südmähren, die westliche Slowakei, Westungarn und die Obersteiermark.

Die in meinem Artikel  Verbreitete Irrtümer in der Genealogie Österreich - Ungarns  bereits behandelten Themen, werden hier nicht behandelt.

 

GRENZKONTROLLEN

Politische Grenzen gab es damals wie heute. Die Grenzkontrollen im späten 17. Jht. spielten sich aber grundsätzlich anders ab. Streng kontrolliert und besteuert wurden damals Warenströme aller Art. Dafür gab es Zollhäuser an allen wichtigen Straßen, die über politische Grenzen führten sowie in den Fluß- und Seehäfen. Auch innerhalb der habsburgischen Länder wie Niederösterreich, Böhmen, Ungarn usw. gab es Zollschranken. Ganz besonders streng besteuert wurden Konsumgüter wie Tabak, Salz, Gewürze, Tuche usw.

Weiters gab es an den grenzüberschreitenen Straßen, bzw. den Grenzstädten auch meist Militärabteilungen, um das "einsickern" fremder Soldaten zu verhindern. Zwischen den habsburgischen Länder waren derartige Kontrollen aber unnötig.

Personenkontrollen im heutigen Sinn, waren dagegen unüblich. Wandernde Handwerksburschen, die oft weit herumkamen, Boten, abgedankte Soldaten, Spielleute, Gaukler, reisende Wundärzte, Chyrurgen, Zahnbrecher usw., also alles was man unter "fahrendes Volk" zusammenfaßte und die lediglich ein Bündel mit persönlichen Habseligkeiten mit sich führten, blieben meist unkontrolliert. Wer zu Fuß unterwegs war konnte die Zollstationen meist auch leicht umgehen bzw. überhaupt Wege bzw. Pfade benützen, wo es gar keine Zollämter gab.

 

ANTIKE MYTHOLOGIE

Die Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) hat Mitteleuropa nachhaltig geprägt. Die Mythen und Geschichten aus der griechischen und römischen Antike erreichten in unterschiedlicher Intensität weite Kreise der Bevölkerung - vor allem in den Städten und Märkten. Praktisch alle Gebildeten damals (Priester, Advokaten, Ärzte, Lehrer usw.), aber auch ein großer Teil des Bürgertums der Städte kannten sie, in den Theatern und Opernhäusern wurden fast ausschließlich Stücke mit Bezug zur Antike gegeben und wandernde Schauspieltruppen trugen das auch weit ins Land hinein, fast bis ins letzte Dorf.

Der Großteil der antike Mythen und Sagen spielt heute keine Rolle mehr, ist weitgehend vergessen. Einige wenige werden in US-Fernsehserien stark verfremdet, vermarktet.

 

OFFIZIERE

Bis 1918 und eingeschränkt auch noch bis 1945 genossen Offiziere hohes gesellschaftliches Ansehen. Mit dem Offizierspatent wurden in der Monarchie Soldaten dem niedrigen Adel gleichgestellt.

Das hatte beispielsweise bei den Heiratsmöglichkeiten große Bedeutung. Ein bürgerlicher Leutnant war beispielsweise für eine ritterliche Familie durchaus standesgemäß.

Und nach einer tadellosen Armee- oder Marinekarriere konnte man auch mit einem Adelsbrief rechnen - der Lohn des Kaisers für treue Dienste. Man wurde zum "von", oder zum "Edlen von" oder sogar zum "Ritter von" gemacht. In Ausnahmefällen konnten Offiziere auch die Freiherrnwürde erreichen. Diese erlangte man auch durch die Verleihung mancher hoher Orden, wie dem "Militär-Maria-Theresien-Orden" - und zwar taxfrei, also ohne Gebühren bezahlen zu müssen.

Mit der Offizierswürde wurde man auch Teil dieser verschworenen Gemeinschaft und durfte alle anderen Offiziere duzen - zumindest die niedrigeren Ränge (Oberoffiziere).

Man hatte auch Anspruch auf einen kostenlosen Offiziersburschen, meist ein einfacher Wehrpflichtiger, der für die persönliche Bedienung des Offiziers zuständig war.

Begriffe wie "Offiziersehre" und "Offiziersehrenwort" hatten einen hohen Stellenwert und auch einfache Leutnants fühlten sich jedem nichtadeligen Zivilisten überlegen. Dafür unterlagen sie einem starren Ehrencodex, den Arthur Schnitzler in seinem "Leutnant Gustl" treffend beschrieben hat.

Alles das ist heute Geschichte und das gesellschaftliche Ansehen der Offiziere vergleichsweise gering.

 

GOTTGEWOLLTE HERRSCHER

Woraus bezogen die erblichen Fürsten vergangener Jahrhundert eigentlich die Legitimation zu herrschen?

Die Antwort mag heute erstaunen: Vom lieben Gott persönlich!

Sie betrachteten sich von Gott persönlich berufen, das "einfache Volk" zu regieren, es zu beherrschen. Dieses "Gottesgnadentum", also das ausschließlich ererbbare Recht zu herrschen, ging soweit, daß sich noch im 19. Jahrhundert neu gegründete Staaten wie Griechenland und Bulgarien Hochadelige aus Deutschland als Könige suchten und die Patrizier Mexikos einen Habsburger.

Gelangten andere Personen, z.B. niedrige Adelige, auf einen Thron, dann wurden sie von den alten Adelsfamilien als "Parvenüs" (Emporkömmlinge) verachtet. Napoleon Bonaparte ist da ein gutes Beispiel.

Logischerweise war damit auch strike Endogamie verpflichtend, d.h. man durfte nur innerhalb herrschender Fürstenhäuser heiraten. War die Auswahl damit schon eher gering, so wirkte sich die europäische Glaubensspaltung hier besonders verheerend aus. Denn nun fielen die Herrscherhäuser mit anderer Konfession als Ehekandidaten aus. Auch wenn man da manchmal aus praktischen Gründen konvertierte, nahm die "Inzucht" bei den meisten regierenden Häusern zu.

Heute sind die "gottgewollten Herrscher" Geschichte, die verbliebenen Königsfamilien zwar meist unverändert sehr reich, aber politisch kaum mehr einflußreich. Und die junge Generation der heutigen Königshäuser geht regelmäßig Ehen mit Bürgerlichen ein.

 

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