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13. DIE "UNEHRLICHEN" MÜLLER

Die Müller gehörten früher, wie die Abdecker/Wasenmeister, Scharfrichter/Henker, Totengräber, Bader/Barbiere/Chirurgen, Schäfer/Halter, Büttel/Nachtwächter/Türmer, Leinweber, Köhler, Kesselflicker, Lumpensammler, Spielleute, Hausierer usw., zu den "unehrlichen" Berufen, also Berufen mit wenig Ansehen, und heirateten deshalb in der Regel nur untereinander. Sie besaßen keine Zünfte bzw. ihre Söhne wurden in anderen Zünften nicht aufgenommen und sie mußten (im Unterschied  zu den "ehrlichen" Berufen) nicht ehelich geboren sein um Meister werden zu können usw.
Solche Vorstellungen sind weit verbreitet

Das mag anderswo gegolten haben, in den habsburgischen Ländern war das aber nicht der Fall.
In Wien und Wiener Neustadt gab es schon im Mittelalter Müllerzünfte (Zechen genannt), im 16. Jahrhundert existierten sie schon in allen größeren Städten und Märkten. 
Viele dieser Zechenbücher sind erhalten.

Müller haben tatsächlich sehr oft innerhalb der eigenen Berufsgruppe geheiratet. Das lag allerdings nicht in einer gesellschaftlichen Isolierung ("Ehrlosigkeit") begründet, sondern darin, daß Müller im Schnitt wohlhabender waren als Bauern und Handwerker. Ihre Endogamie war also eine zum Schutz ihrer hohen sozialen Stellung bzw. des Wohlstandes.  
Das war ja auch beispielsweise bei Gutsverwaltern/Pflegern, Kaufleuten und ganz besonders beim Adel der Fall - man blieb unter sich, um nicht sozial abzusteigen.

Gesellschaftlich isoliert waren Müller keineswegs, sie spielten in den barocken Bruderschaften eine große Rolle, was bei Angehörigen eines "unehrlichen Berufes" nicht möglich gewesen wäre.

Müller wurden auch überproportional oft in Verwaltungsfunktionen wie (Dorf)-Richter, Amtsrichter, Marktrichter, Stadtrichter (Bürgermeister) usw. gewählt, Positionen, die in der Regel den höchsten sozialen Schichten vorbehalten waren.

Michael Melchior Adl, 1660-1693 Müllermeister in Aigen bei Göttweig in Niederösterreich und zeitweise dort auch Amtsrichter sowie sein Sohn Johann Philipp Adl, 1700-1738 Müllermeister im damals bedeutenden Markt und Donauhafen Grafenwörth in Niederösterreich und von 1720 bis 1726 dort auch Marktrichter, seien hier als Beispiele genannt. Leopold Adl, ein Enkel von Johann Philipp Adl, war ab 1806 Müllermeister in Wilhelmsburg in Niederösterreich und in der Folge dort auch Marktrichter.

 

Ähnliches gilt in den habsburgischen Ländern übrigen auch für die Bader, Halter/Hirten und Leinweber. Auch sie waren keineswegs "unehrlich", besaßen schon früh eigene Zechen (Zünfte), hatten aber keinen so hohen sozialen Status wie die Müller und waren meist auch nicht so wohlhabend.